25. August 2019

Schloss Köpenick, Berlin

Empfindsam und galant - zwei Musikerinnen spielen Trio

Darja Großheide – Traversflöte
Sabine Erdmann – Cembalo

Der Wechsel vom Barockzeitalter zur Klassik kam nicht plötzlich. Eine ganze Generation von Musikern, zu denen auch die Söhne Johann Sebastian Bachs zählen, macht sich in der Mitte des 18ten Jahrhunderts auf die Suche nach Ausdrucksformen, die dem neuen Zeitgeist der Aufklärung entsprechen. Zeiten des Übergangs sind immer besonders spannend, weil hier Neues experimentiert wird, manches weiterverfolgt wird, anderes einmalig bleibt. In unserem Programm zeigen wir anhand der Sonaten für Flöte und obligates Cembalo, wie so ein Weg vom Barock in die Klassik verlaufen kann. Die fünf ausgewählten Sonaten entstanden zwischen 1740 und 1785, also in einem Zeitraum von gut 45 Jahren. Johann Sebastians berühmte Sonate in h-moll ist eines der ersten Beispiele überhaupt für diese Gattung: aus einer Triosonate für zwei Oberstimmen und Basso continuo wird eine Sonate für eine Oberstimme und „obligates“ Cembalo, d.h. das Cembalo spielt in der linken Hand weiterhin die Basslinie, in der rechten Hand aber die zweite Oberstimme. So spielen nun zwei Musiker ein Trio. Die Rolle des Cembalos ändert sich, und aus dem Begleitinstrument Cembalo wird ein Gesprächspartner. Es ist die Zeit der sogenannten „galanten“ Musik, in der sich im Trio idealerweise zwei gebildete Leute angeregt miteinander unterhalten. Carl Philipp Emanuel steigert diesen Begriff der „galanten“ Musik in den „empfindsamen“Stil, in dem der Musiker nun auch seinen persönlichen Gefühlen Ausdruck verleiht. Kleinknecht beschreitet ähliche Kompositionswege wie Wilhelm Friedemann Bach, der älteste Sohn Johann Sebastian Bachs, dessen Triosonaten leider nicht in obligate Sonaten umgeformt wurden. Ihn reizt das Bizarre, Überraschende in der Komposition. In der Sonate von Johann Christoph Friedrich Bach, dem „Bückeburger“ Bach, tauschen schließlich Flöte und Cembalo die Rollen: die Flöte begleitet das konzertierende Tasteninstrument. Die Sonate von Friedrich Benda schließlich bringt unsere Barockinstrumente an ihre Grenzen. In dieser wirklich klassischen Musik wird die Notwendigkeit zum baldigen Wechsel auf Hammerflügel und Klappenflöte mit ihren neuen dynamischen Möglichkeiten offensichtlich.

Programm
Johann Sebastian Bach (1685 – 1750) Sonate in h-moll für Flöte und obligates Cembalo, BWV 1030 Andante – Largo e dolce – Presto
Carl Philipp Emanuel Bach (1714 – 1788) Sonate in D-Dur für Flöte und obligates Cembalo, Wq 83 Allegro un poco – Largo – Allegro
Jacob Friedrich Kleinknecht (1722 – 1794) Sonate in D-Dur für Flöte und obligates Cembalo, zeitgenössische Bearbeitung nach der Triosonate für 2 Flöten und Bc von 1767
Johann Christoph Friedrich Bach (1723 – 1795) Sonate in d-moll für Clavier mit Begleitung einer Flöte oder Violine Allegretto – Andante – Allegro
Friedrich Benda (1745 – 1814) Sonate in G-Dur für Flöte und obligates Cembalo, op.III

Darja Großheide, Traversflöte
studierte zunächst Blockflöte und Querflöte in Padua (Italien). Es folgten Studienabschlüsse an den Musikhochschulen von Maastricht (NL bei Jerome Minis) und Köln (Manfredo Zimmermann). Bei Karl Kaiser machte sie ein zweijähriges Aufbaustudium für Traversflöte an der MHS Frankfurt, bei Martin Sandhoff spezialisierte sie sich zusätzlich auf das Spiel romantischer Klappenflöten. Sie konzertiert mit verschiedenen Barockorchestern sowie in unterschiedlichen kammermusikalischen Formationen. Mehrere CD-Produktionen mit Ersteinspielungen ihres Ensembles „musica solare“ sind aus dieser Arbeit hervorgegangen (u.a.Kantaten von Ariosti, Sonaten von Nardini). 2010 gründet Darja Großheide die Kammerkonzertreihe „Tonspuren“, die seit 2015 in der Kulturfabrik Becker&Funck in Düren vom Kunstförderverein Kreis Düren veranstaltet wird und die sie als Musikalische Leiterin betreut. In den letzten Jahren hat sie an wichtigen Musiktheaterproduktionen mit dem Regisseur A.Schvarzstein teilnehmen dürfen (Fugit. La Locura), die ihre Arbeit nachhaltig prägen und sie zu neuen Konzertformaten inspirieren.

Sabine Erdmann, Cembalo
erhielt ihren ersten Cembalounterricht mit 11 Jahren bei Beata Seemann in München. Sie studierte an der Staatlichen Hochschule für Musik Heidelberg-Mannheim bei Prof. Egino Klepper, danach an der Hochschule der Künste Berlin bei Prof. Mitzi Meyerson. Sie besuchte Meisterkurse bei Menno van Delft, Lars Ulrik Mortensen und Jesper Christensen. Neben ihrer solistischen und kammermusikalischen Tätigkeit ist sie als gefragte Continuo-Spielerin Mitglied und Gast verschiedener Orchester, wie z. B. Göttinger Barockorchester, Concerto Grosso Berlin, Deutsches Sinfonieorchester, Ensemble Resonanz Hamburg, Heidelberger Sinfoniker, Kammerakademie Potsdam, Lautten-Compagney Berlin und Kammermusikensembles, wie Nils Mönkemeyer and Friends. Außerdem ist Sabine Erdmann als Cembalo-Korrepetitorin der Flötenklassen an der Universität der Künste Berlin tätig, sowie auch beim Deutschen Musikratwettbewerb. Sabine Erdmann wirkte bei Rundfunkaufnahmen (NDR, SFB) und CD-Produktionen als Solistin und Continuospielerin mit.